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Einfach mal eine Runde rumkugeln

OP-Serie: Abenteuer Sport Einfach mal eine Runde rumkugeln

Schweiß, Anstrengung, Risiko – alles Faktoren, die in der Serie „Abenteuer Sport“ groß geschrieben werden. Nichts davon werden Sie in den nächsten Zeilen lesen. Sportler müssen schwitzen. Müssen über Muskelkater klagen und sich über die korrekte Ernährung Gedanken machen. So zumindest die allgemein gültige Vorstellung.

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Ist Boule überhaupt eine Sportart? Und wie viel Abenteuer verbirgt sich hinter der „Schweinchenjagd“?

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Sportler, die sich mehrmals wöchentlich neben dem Uni-Stadion treffen, können sich an ihren letzten Muskelkater nur schwer erinnern. Ins Schwitzen kommen sie bei ihrer Sportart höchstens dann, wenn der letzte Wurf zwischen Sieg und Niederlage entscheidet und beim Thema Sportlernahrung deuten sie verlegen auf das Feierabendbierchen, das schon auf seinen Einsatz wartet. Diese Sportler machen eher einen gemütlichen Eindruck. So gemütlich, dass einer sogar in selbstgestrickten Wollsocken und mit Birkenstocks auf dem Platz steht. Hans Lehnert heißt der Mann, der seinen Füßen beim Sport so viel Wohlfühlfreiraum bietet. Seit seiner frühen Jugend geht er mit schweren Eisenkugeln auf Schweinchenjagd. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Denn Hans Lehnert ist Boulespieler aus Leidenschaft. Das Schweinchen ist kein Borstentier, sondern ein kleines, in Signalfarben leuchtendes Bällchen. Die schweren Silberkugeln sind das Sportgerät. 600 Gramm schwer und mit Namensgravur versehen. Stil muss eben sein. Hans Lehnert kennt die ewige Diskussion. Ist Boule nun Sport oder ist es nur ein Vergnügen? Ein sportliches Vergnügen – das ist es. Zumindest in den Augen des 63-Jährigen. Schließlich geht es um Präzision, um Wurftechnik, Ehrgeiz und darum, strategisch den Gegner zu besiegen. Und wer mehrere Würfe mit den schweren Kugeln macht, der weiß: der Wurfarm wird leiden.

Boule vereint Generationen

Und während er eine flammende Rede über sportlichen Ehrgeiz und Muskelanstrengung hält, löst er eine unscheinbare Kette von seinem Hals. Fast beiläufig lässt er ein Ende der Kette in Richtung Kugel gleiten. Ein leises Klick. Ein schneller Ruck: Kugel und Kette sind verbunden. „Magnetisch“, sagt Lehnert, und hebt die Kugel auf, ohne sich zu bücken. Sportlich, sportlich, der Herr.

Lehnert will sich nicht aufhalten mit 
Erklärungen. Er will spielen. Deshalb ist er hier. Genau wie die 20 anderen Spieler, die sich an diesem Tag auf dem Bouleplatz neben der Marburger Jugendherberge getroffen haben. Männer und Frauen, Alt und Jung, Profis und Anfänger. Sie alle spielen zusammen, sie alle machen Jagd auf das Schweinchen

Gespielt wird meist in Zweier-Mannschaften. Das grobe Ziel: Die eigene Kugel so nah wie möglich am Schweinchen platzieren. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die Gegenspieler verfolgen das gleiche Ziel. Sie dürfen die Kugel durch gezielte Würfe weg boulen. Ein frustrierender Sport: Selbst ein Goldwurf kann durch einen Treffer zum Außenseiter werden. Hans Lehnert geht locker in die Knie, kneift die Augen zusammen, schwingt seinen Arm, wirft. Die Kugel kommt auf, rollt noch einige Zentimeter, bleibt dicht vor dem Schweinchen liegen. Sein Gegenspieler schnauft verächtlich, rückt sich die Hose zurecht, setzt zum Gegenwurf an.

Klaus nennen sie hier den Werfer mit dem konzentrierten Blick. Einfach nur Klaus. Nachnamen gibt es auf dem Bouleplatz nicht. Hier wird sich geduzt. Klaus ist keiner, der den großen Auftritt mag. Er schwingt, er wirft, er trifft. Mit einem dumpfen „Klock“ haut er die Kugel von Hans Lehnert aus dem Rennen. Klaus ist auch niemand, der die große Freude mag. Seine Mundwinkel verziehen sich lediglich zu einem Grinsen. Er winkt ab. War nichts besonderes. War ein Standardwurf. Einige Meter weiter kämpft eine weitere Mannschaft um jeden Zentimeter in Schweinesnähe. Die Wurftechniken: Spektakulär. Verdrehte Arme, ausladende Bewegungen, pfeilschnelles Aufrichten aus den Knien. Es fliegen die Kugeln, es klockt und klackt, es wird laut gejubelt und leise geflucht.

Hans Lehnert beobachtet das Treiben auf der Nebenbahn mit Stolz und Belustigung. Der 63-Jährige kommt für das Training extra von Homberg nach Marburg gefahren, engagiert sich schon seit Jahren in der Boule-Szene. Was den Sport für ihn so faszinierend macht?

Ein Spiel mit Taktik

Lehnert holt tief Luft, spielt mit den Kugeln in seiner Hand und beginnt aufzuzählen: die Möglichkeit, dass mehrere Generationen miteinander eine Leidenschaft teilen, die Tatsache, dass Anfänger und Fortgeschrittene zusammen spielen können. Lehnert schwärmt, klickt mit den Kugeln, schwärmt. Gegenspieler Klaus hingegen wirft. Er ist eben nicht der Mann für viele Worte. Bringt es eher nüchtern auf den Punkt: „ Boule macht Spaß.“

Der Marburger Modus:

  • Gespielt wird dienstags und freitags ab 16 Uhr. Neulinge sind willkommen. Mannschaften werden ausgelost.
  • Gespielt wird auf dem Bouleplatz neben der Jugendherberge in Weidenhausen.
  • Dort wird auch am heutigen Samstag das 21. Boule-Turnier vom Marburger Boule-Club „Le Carreau“ ausgerichtet.
  • Mitspielen kann Jedermann. Meldung noch bis 9.30 Uhr vor Ort möglich. Fünf Euro Startgebühr sind pro Spieler fällig. Diese fließen zu 100 Prozent ins Preisgeld.

von Marie Lisa Schulz

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